November 2024

Aus „Jo“ von Christo Dutsch

… „Gefängnisbetten“, sagte jemand belustigt, und tatsächlich waren sie ziemlich schmal, viel höher als gewöhnliche Betten und nur mit Kokosmatten ausgelegt, aber mit frischen weißen Laken stets einladend, wenn man echt müde war. Unsere Gäste wie auch wir selbst haben jedenfalls mit wenigen Ausnahmen immer herausragend gut geschlafen darin.

Eine dieser wenigen Ausnahmen war ein Traum aus tiefsten Tiefen, der mit ungewöhnlicher Klarheit das normale Wachsein überstrahlte. Es war einer jener Träume, die gellend und inmitten der Nacht dem Schlaf mit tränennassem Gesicht ein jähes Ende bereiten und einen erbarmungslos, untröstlich schluchzend zurücklassen, einer jener Träume, die das eigene Sein in aller Farbenpracht nackt und schutzlos sich selbst gegenüberstellt, weil in ihm Geschehenes aus grauen Vorzeiten hervorgeholt scheint, an das man sich nicht mehr erinnert und doch in deutender Klarheit erlebt, wie sehr man selber Teil des vorgeführten Schicksals ist und im Nachklang eine Ahnung davon bekommt, wie es kam, dass man unberührbar und verletzlich ist und deshalb nicht nur Jo mich manchmal scherzhaft ‚Adonis‘ nannte.

Das Geschehen im Traum:

„Abschied der Liebenden.“

Sie waren einander das Allerliebste, was es gab auf der ganzen Welt, und ihre Liebe war so groß, dass die Grenzenlosigkeit der Herzen nicht mehr teilbar war, so groß, dass alles, was Entbehrung schien, Überfluss wurde und alles, was sie teilten, stets mehr als nur die Hälfte war. Er behütet sie und kämmt ihr das Haar, und sie ist es, die ihn vor sich selbst beschützt.

Sie trug ein Kleid aus dunkelrotem Samt mit weißem Leinen darunter.

Und ritt ihm auf einem Schimmel entgegen.

Und ritt in langsamem Trab.

Er trug ein Wams aus dunkelrotem Samt mit weißem Leinen darunter und seine Beinkleider waren schwarz. Er trug keine Stiefel, sondern Schnürsandalen und trug eine Stichwaffe am Gürtel, was seinem Status entsprach.

Und ritt ihr auf einem Rappen entgegen.

Und ritt in langsamem Trab.

Sie trug einen Kranz Margeriten im Haar, dem langen, braunen, leicht gewellten, das glänzte und hinten zusammengewunden war. Ihre Augen waren tiefbraun und feurig, und feucht der Tränen. Die Margeriten waren längst welk und von gestern, sie vergaß, sie abzulegen, denn sie hat die ganze Nacht geweint.

Auch sein Antlitz war nicht von Freude, er hatte kein Wort gesprochen – mit wem auch – er war allein.

Und so lagen noch etwa dreihundert Meter zwischen ihnen, bis sie aufeinander treffen würden, und ritten in langsamem Trab schmerzensreicher Spannung trauriger Endgültigkeit.

Der Wirtschaftsweg war gut befestigt und zog sich von ihm aus gesehen in einer leichten Linkskurve zwischen hohen dunklen Tannen auf der rechten Seite und einer weiten Wiesenfläche auf der linken Seite, die in einiger Entfernung wiederum mit hohen dunklen Tannen gesäumt an einen Wald grenzt, in dessen Tiefe auf einer Lichtung sein Haus steht.

Die Landschaft ist hügelig, sanft, lieblich, es ist Vormittag, der Himmel ist blau und ohne Wolken, die Sonne scheint warm. Tannenwipfel wiegen sich sanft rauschend im Wind und Vögel singen unbekümmert, der Wind trägt kaum hörbar elf Glockenschläge aus einem fernen Dorf herüber.

Schmerzensreiche Spannung trauriger Endgültigkeit und so brachen Stück um Stück die Herzen.

Während er alleine ritt, befanden sich hinter ihr in gebührendem Abstand von etwa hundert Metern vier uniformierte Reiter, die zwar bewaffnet, aber keine Soldaten waren. Sie trugen graue Uniformen mit rotem Besatz und schwarze Stiefel und mochten eine Art Leibgarde sein, die aber nicht zu ihrem Schutz bestellt, sondern im Auftrag des Vaters das festgelegte Geschehen überwachen mussten.

Und ritten in langsamem Trab – Geschirre schellen und klirren.

Das festgelegte Geschehen entsprang ganz dem Mitleid und Wohlwollen des Vaters, der als hoher Beamter in kaiserlichen Diensten und sein Freund war, sich aber einer kaiserlichen Anordnung beugen musste. Diese kaiserliche Anordnung erging an den Vater: Die Liebschaft zwischen seiner Tochter und einem Mann, der von Geburt nieder und unter ihrem Stand sei, ist zu unterbinden oder einer beider mit dem Tod bestraft.

Der Vater und er waren gute Freunde. Der Vater holte ihn oft zu sich und bat ihn um Rat. Sie rauchten und tranken dann und spielten Brettspiele. Und nur im Scherz, wenn der Vater im Spiel verlor, wies er seinen Freund in die seinem Stand entsprechende Position unterhalb seiner Augenhöhe, während der Freund wiederum im Allgemeinen nicht recht wusste, ob das wirklich ernst gemeint sei.

Nach der kaiserlichen Anordnung betrat er das Haus nicht mehr und wurde auch nicht mehr um Rat ersucht. Es wurden die Türen zugeschlagen und das Tor verriegelt, wenn er seine Liebe sehen wollte.

Das festgelegte Geschehen aus Mitleid und Wohlwollen des Vaters galt nicht nur seiner Tochter, sondern auch dem verlorenen Freund.

Das festgelegte Geschehen aus Mitleid und Wohlwollen war der gewährte Abschied der beiden voneinander und geschah deshalb fernab im Wald, auf halbem Wege zwischen der Burg des Vaters und dem Haus seines Freundes, der ihm verloren war, und es geschah ohne das Wissen des Kaisers.

Und deshalb brachen Stück um Stück die Herzen nieder.

Das Licht tönt durch die Zweige,
und bezeugt das Leid der Zwei,
geschrieben im Buch der Fernen,
dem kein Ausgleich je verloren geht.

Wenige Meter voneinander entfernt, in einer sanften Senke, steigen beide ab und gehen das letzte Stück zu Fuß aufeinander zu.

Und stehen ganz nah voreinander.

Sie legen einander die Hände auf die Schultern und sehen sich gerade in die Augen, denn sie sind beide gleich groß. Und sprechen kein Wort. Denn ihre Liebe ist so unendlich, dass ihre Blicke erfüllen, was das Herz des anderen begehrt. Und es schien, als wenn ein Lächeln in ihrer beider Blicke läge und Kummer und Sorge aus Unabwendbarkeit. Tröstende Hoffnung und mahnende Zuversicht der Augen Botschaft: Wir gehen nicht verloren, wir werden uns einst wiedersehen, in einer fernen, anderen, in einer neuen Welt. Und ließen die Hände langsam von den Schultern die Leiber hinab gleiten und in ihre letzte Umarmung münden – im Dunst von sonnentrunken rotem Samt vermischt mit Sorgenschweiß von Endgültigkeit.

Und hielten einander inniglich und schieden stolz und ohne Tränen.

Er half ihr auf ihr Pferd und sahen sich ein letztes Mal in die Augen. Dann ritt sie los, vorbei an den Reitern, die gewartet hatten und die Blicke senkten.

Und ritt in gestrecktem Galopp mit fliegenden Tränen.

Er sah ihr nach und sah sie in der Ferne entschwinden, bis er sie nicht mehr sehen konnte.

Und da waren die Herzen darnieder gebrochen.

Und sah noch einmal auf den Weg, aber der Weg war leer, da war nichts, sie war weg.

Da sank er nieder, schwindelblind von Traurigkeit.

Und die Sonne steht bereits im späten Mittag, als er zu sich kommt, und es ist noch wärmer geworden. Er steht benommen auf, sieht umher und schaut lange auf den leeren Weg, gräbt seine Nase in die Armbeuge und ertastet ihren Geruch. Zögert, wendet sich dann um und geht schließlich zu Fuß zurück.

Einsam verloren in trauerschwerem Gang.

Der Rappe trottet mit losem Zügel hinter ihm her.

Am späten Nachmittag, als er auf die Lichtung zu seinem Haus kommt, sind da zwei Bauern, die Vasallen oder Frondienst Verpflichtete des Vaters sind und auf Anweisung warten. Er sagt ihnen, dass sie morgen mit der Weinlese beginnen sollen. Und es ist das Letzte, was er tut für den Vater. Aber dann sagt er noch, dass sie mehr Holz bringen sollen. Er sagt es, damit seiner Lieben warm sei im kommenden Winter.

Dann geht er in das Haus, legt sich inmitten des Raumes auf den Boden, schaut an die Decke, schließt die Augen und schläft im Blute seiner Seele ein.

Das Haus ist ein mittelgroßer rechteckiger Bau ohne Umzäunung auf einer von dunklem Wald umfassten Wiese. Weinrote Außenwände mit rundum laufender, von schlichten weißen Säulen getragener Arkade. Im Innern des Hauses sind jedoch weder ein Bett noch eine Küche oder irgendwelche Gerätschaften. Die Räume sind weiß und leer. Das Haus aber gab Speise und Trank, ebenso wie die Ruhe der Nacht und das Glück des Tages.

Als er aufwacht, ist es schon dunkel.
Und jetzt weint er und schluchzt bitterlich.

Dann steht er auf, wäscht sein Gesicht, geht nach draußen, sattelt das Pferd, verschließt das Haus und reitet davon.

Und kam nicht mehr wieder.

                                                *  *  *

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März 2024

Eine junge Frau baut ein Haus im vietnamesischen Dschungel:

Hier.

Fachlich einwandfrei, meist schraubenlos gefügt, mit einfachen Werkzeugen. In vollkommener Ruhe und Gelassenheit – ohne Stress und ohne Fehler.
Solches Vertiefen in die Arbeit mit klarem Ziel vor Augen kenne ich gut. Es ist genau genommen eine Art Meditation. Für den Bau unseres Hauses wurde auch kein Konstruktionsholz, sondern gewachsenes Holz verwendet. Die Fenster wurden mit einer Terpentin-Leinölmischung imprägniert und im Jahr darauf mit Carnaubawachs versiegelt. Die Buntverglasungen hat Jimbeth gemacht. Die Fenster sind bald zehn Jahre alt und zeigen weder Alterung noch Undichtigkeit.

Ein frohes Osterfest unseren Freunden, unseren Lieben und natürlich auch unserer vietnamesischen Kollegin.

Christoph und Jimbeth